Leseprobe aus Heft: 22/2005

Dr. Christoph Schubert-Weller:
Kombination und Synthese – Die Kunst der Horoskopdeutung, Teil 4

3. Themenorientierte Zugänge zum Horoskop
3.1. Die allgemeine und die themenbezogene Horoskopdeutung

Es ist ein gewisser Unterschied, ob der Astrologe eine Gesamtdeutung des Geburtshoroskops erarbeitet oder ob es gezielt um ganz bestimmte Themen geht. Die Gesamtdeutung behandelt natürlich auch einzelne Themenkomplexe, wie Beruf, Partnerschaft, Elternhaus, Umgang mit eigenen Gefühlen, Interessenlagen usw. Von dieser Art sind die mehr oder minder guten Computerhoroskope. In der Regel bleibt eine solche Deutung eher allgemein, auch wenn sie natürlich individuell ist. Sie geht nicht allzu sehr ins Detail. Der Horoskopeigner (HE) erfährt mit einer solchen Deutung, „welche Pferde er im Stall hat“.

Freilich, Menschen gehen selten zum Astrologen, um in Erfahrung zu bringen, welche Pferde sie im Stall haben. Das wissen die meisten bereits. Viel eher gehen Menschen zum Astrologen, wenn, um im Bild zu bleiben, ein größerer, vielleicht anstrengender Ausritt ansteht, wenn es zu überlegen gilt, welches Pferd man satteln sollte, und welche Pferde als Saumtiere mitzuführen sind. Die Themen orientierte und dabei ins Einzelne gehende Deutung am Grundhoroskop ist das Kernstück der Radix-Beratung. Im Sinn des Bildes vom anstehenden Ausritt geht es bei einer solchen Radix-Beratung oft zugleich um eine Einschätzung der aktuellen Lebenssituation beim Ratsuchenden. Und auch das ist nicht einfach eine offene Prognose, in der die Grundthemen eines bestimmten in den Blick genommenen Zeitraums genannt werden. Vielmehr ist eine solche Prognose gezielt, sie bezieht sich auf konkrete Fragen und Themen, die der Ratsuchende vorgibt

Auch bei der detailliert themenbezogenen Horoskopdeutung, auch bei der auf konkrete Fragen und Sachansagen konzentrierten Prognose verbleibt der seriöse Astrologe in der Ansage von Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten. Eherne Gewissheiten gibt es in der Astrologie nicht. Aber der Astrologe muss sich zugleich dessen bewusst sein, dass seine Ansage von Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten zu einem im hohen Maß individualtypischen Bild führen soll, das dem HE die Möglichkeit gibt, auf gute Weise über die Einzelheiten seines bevorstehenden Ausritts Entscheidungen zu treffen. Die Astrologie macht keine konkreten oder gar ereignishaften Ansagen. Aber die Astrologie ist auch nicht beliebig.

3.2. Einstieg in die themenbezogene Horoskopdeutung: die Häuser

Die astrologischen Häuser bieten in jedem Radixhoroskop eine grundsätzlich zutreffende Auffächerung in die konkreten Lebens- und Interessensgebiete des HE. Die Konstellierungen in den einzelnen Häusern geben auf eine durchaus nicht beliebige Weise an, wohin in etwa Erlebnishaltung und Interesse des HE im Themenbereich eines jeweiligen Hauses zielen. So betrachtet der Astrologe die Konstellierungen im 7. Haus, wenn er sich dem Partnerthema des HE zuwendet. Er untersucht das 3. und das 9. Haus beim HE, wenn es um Lern- und Bildungsthemen geht. Die Häuserdeutung ist, noch viel mehr als die Deutung der Tierkreiszeichen oder der Aspekte, der Königsweg zum individuellen Horoskop. Das ist kein Wunder, denn die Häuserstellungen sind schon recht unmittelbar von der genauen Geburtszeit des HE abhängig. Nur die Positionierung und die Aspektierung der Achsen Aszendent und Medium Coeli selbst sind in dieser Hinsicht noch empfindlicher.

Die Häuserdeutung ist denn auch diejenige Übung, bei der der Lernende sich am schnellsten dem Erfordernis einer syntheseorientierten Deutung gegenübersieht. Um ein Haus und die zu ihm gehörenden Konstellationen auszudeuten, schauen wir auf die Planeten, die in dem Haus stehen, schätzen deren Aspekte ab, betrachten die Stellung des Häuserherrn und achten auch auf diejenigen Häuser, deren Herren in dem betreffenden Haus stehen. Das ist unter Umständen schon eine ganze Menge an einzelnen Bausteinen und Verknüpfungen, die in ein Gesamtbild zum Thema des betreffenden Horoskophauses eingefügt werden wollen.

Bitte lesen Sie den vollständigen Artikel in Astro-Forum sternzeit Nr. 22

Ernst Ott:
Das 7. Haus – Das Haus der Liebe

Wenn die rote Sonne am Abend im Meer versinkt, dann singt bekanntlich der Caprifischer seine Romanzen von Liebe, Herz und Schmerz. Beim Gedanken an erste Liebe empfinden viele Menschen eine sanfte Gefühlsmischung aus Trauer über die untergehende Sonne und Liebesvorfreude, und es gehen ihnen die Augen über vor Wonne. Es gibt allerdings auch Partnerschaften, an deren Ende wiederum Tränen fließen, weil Illusionen untergegangen sind oder sogar die Liebe selbst wie die Abendsonne im Meer versunken ist.

In der menschlichen Phantasie scheint es einen geheimen Zusammenhang zwischen der Liebe, dem Meer und dem Sonnenuntergang zu geben. Auch Künstler und Dichter greifen immer wieder zu diesen Metaphern, wenn sie die Liebe besingen: „Mit dir geht die Sonne auf...“, „ein Meer von Gefühlen...“, „rot ist die Liebe... rot wie die Abendsonne...“

Liebe = Untergang

Auch die Symbolik der Astrologie greift diesen Zusammenhang auf: Im Geburtshoroskop ist das 7. Haus das Haus der Liebe und Begegnung. Damit ist jene Stelle gemeint, an der vom Geburtsort aus gesehen die Sonne und alle übrigen Gestirne im Westen untergehen. Wie das 1. Haus durch den Aszendenten (AC)1), so erklärt sich das 7. Haus über den Deszendenten (DC), das absteigende Zeichen, welches dem Aszendent-Zeichen genau gegenüberliegt. Deszendent heißt „das absteigende Zeichen“. Die Astrologie definiert den Punkt der Liebe als Punkt des Untergangs. Wer gerade negative Erfahrungen in der Partnerschaft gemacht hat, ist geneigt, dies für einen bitteren Witz des Kosmos zu halten: Liebe gleich Untergang! Tatsächlich, was auch immer im Haus der Liebe, also im 7. Haus unseres Horoskops stehen mag: Es ging im Augenblick unseres ersten Atemzuges gerade am Westhorizont unter. Treibt die Astrologie hier Spott mit uns?

Wir könnten es allerdings auch positiv betrachten: Wenn die Sonne untergeht und die Nacht heranrückt, sucht der Mensch Wärme und ein gastliches Haus. Er findet es im 7. Haus in der Liebe und Begegnung. Im Schutz der Nacht rücken wir zusammen und feiern die Liebe. Auch im übertragenen Sinn ist die menschliche Partnerschaft dazu da, gemeinsam die Nacht zu durchleben, etwa eine schwere Zeit zu ertragen, in der wir uns unterstützen, oder eine Krise, in der wir füreinander da sind. Die romantischen Gefühle des Sonnenuntergangs sind nur der Anfang einer im Idealfall langen Geschichte, in welcher zwei Menschen miteinander die Nacht erhellen und davon gestärkt am kommenden Morgen die Welt neu gestalten. Dennoch zeigt die Symbolik des Untergangs, dass sich auch Abgründe auftun, wenn Menschen sich begegnen.

In meinem Buch über den Deszendenten habe ich die psychologischen Ängste beschrieben, die mit dem 7. Haus verbunden sind, ebenso die Dynamik der Projektion und Selbstfindung sowie die bereichernden neuen Talente, die wir hier wecken können.

 

Idealisierung

Oftmals erleben wir die Themen unseres 7. Hauses in der Projektion. Das Deszendent-Zeichen, das in jedem Horoskop dem Aszendenten diametral entgegengesetzt ist, erscheint uns meist in der Projektion und wird als nicht zu uns gehörig erlebt.  So könnte beispielsweise einem Menschen mit dem kultivierten und zurückhaltenden Aszendenten Waage die aggressive Qualität seines Widder-Deszendenten vorerst fremd sein. Oftmals tritt ihm dann die Widder-Energie in der Projektion als feuriger Partner entgegen.  Die fremde Qualität des Widders übt meistens zuerst starke Faszination aus.  Die Intuition erkennt das Fremde als die ideale Ergänzung. Das ist die erste Stufe der Projektion als Idealisierung des Partners. Die direkte Wildheit des Widders ist ein guter Ausgleich für den ewig abwägenden Waage-Aszendenten. 

Doch nach einiger Zeit bröckelt die Idealisierung ab. Das Unbewusste entfaltet jetzt den Wunsch, diese ergänzende Energie aus sich selbst heraus zu entwickeln und auch unabhängig vom Partner fürs eigene Wesen zur Verfügung zu haben. Die Etablierung eines neuen Verhaltens ist jedoch unbequem und mit Arbeit verbunden. So kommt es, dass das Ego diesen Versuch vorerst blockiert und uns einredet: „Es ist leichter, wenn dir alles vom Partner geboten wird; fordere es weiterhin von außen!“  Je mehr man sich nun von diesem „idealen“ Partner abhängig macht, desto mehr wächst geheimer Unmut, und plötzlich fallen einem dessen Schattenseiten auf.

Bitte lesen Sie den vollständigen Artikel in Astro-Forum sternzeit Nr. 22

Holger A. L Faß:
Das 8. Haus – Ein tiefer Fall führt oft zu höherem Glück

Tod. Oder etwas prosaischer: Stirb und Werde.

Schwer ist es, über das 8. Haus zu reden. Denn es ist nicht das Angenehmste, was wir spontan mit diesem Horoskopfeld verbinden. Wir lernen, dass jedes Haus in der Radix einen bestimmten Lebensbereich repräsentiert – das 8. Haus fällt aus diesem Rahmen heraus. Hier heißt der „Lebens“bereich Tod. Aufgeklärte Geister wissen natürlich, dass damit auch der „symbolische Tod“ gemeint sein kann. Aber machen wir uns nichts vor: Tod bleibt Tod. Das Ende von allem kann nicht durch Symbole abgewendet werden wie der Blitzeinschlag durch einen Blitzableiter.

Stellen wir uns vielmehr die Frage, ob wir mit der Begrifflichkeit „Tod“ die Essenz des 8. Hauses tatsächlich erfassen. Kommt wirklich nach der Beziehung (Haus 7) der Tod (Haus 8) und dann die höhere Bildung (Haus 9)? Ist das logisch? Astro-logisch? Astro-Logik erschließt sich nicht immer unmittelbar und lässt sich mit unserem Bildungskanon manchmal nicht sofort begreifen.

Gemäß dem Neuen Testament ist Jesus in der 9. Stunde gestorben. Nun muss man wissen, dass damals die Zeit nicht ab Mitternacht gerechnet wurde, sondern mit der neunten Stunde ist die 9. Stunde nach Sonnenaufgang gemeint. Wenn wir am Karfreitag, also in der Widderzeit, diesem Ableben gedenken, dann benötigt die Sonne circa 12 Stunden um ihren Weg vom Sonnenaufgang (vom AC) zum Sonnenuntergang (zum DC) zu nehmen. Ein Horoskophaus durchwandert sie dabei in ungefähr 2 Stunden. Zur Frühjahrstagundnachtgleiche geht die Sonne gegen 6 Uhr morgens auf – nach neun Stunden hat sie somit viereinhalb Horoskophäuser durchlaufen und befindet sich mitten in Haus 8 – dem Haus des Todes.

Wir werden zum Abschiednehmen aufgefordert. Wenn es sein muss, mit Gewalt. Nicht immer zeigt sich diese Aufforderung so unmittelbar und direkt. Eine Zeitlang können wir uns etwas in die Tasche lügen.

Die astrologische Deutung deckt sich mit dem Erleben. Nachdem die Sonne ihren Tageshöhepunkt überschritten hat und sich im 9. Haus befindet, bemerken wir noch nicht, dass sie sich wieder gen Horizont neigt. Wer gedankenlos in den Tag hineinträumt kann sich selbst vorgaukeln, dass die Sonne weiter und weiter am Himmel leuchten wird. In dieser Zeit ist noch nichts davon zu bemerken, dass der Tag auch mal ein Ende haben wird. Befindet sie sich jedoch im 8.  Haus, bekommen wir auf einmal eine Ahnung davon, dass der Tag nicht ewig währt. Wanderer sollten jetzt darauf achten eine Bleibe anzusteuern. Die Dunkelheit ist zwar noch nicht da, aber es wird deutlich, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis die Sonne im Westen verschwindet. Das Ende (des Tages) ist nahe. Erste mulmige Gefühle können sich breit machen; jedenfalls bei denen, die die Nacht fürchten.

Woher hat das 8.Haus seinen schlechten Ruf als Todeshaus?

Wer sich mit Astrologiegeschichte beschäftigt weiß, dass die Kollegen und Kolleginnen früherer Zeiten nicht immer mit zwölf Zeichen und zwölf Häusern operierten.

Der Tierkreis war zunächst zeitweise in

acht Zeichen unterteilt. Dies war beispielsweise in Mesopotamien ca. 1000 Jahre vor

unserer Zeitrechnung der Fall. Der Bereich Acht war somit der letzte Bereich – das Ende (vor dem Neuanfang). Er markierte eine Grenze – nicht irgendeine, sondern die entscheidende Grenze: die letzte Prüfung. Das 8. Haus soll somit Aufschluss über Grenzfragen des Lebens geben. In Anlehnung an Bernd A. Mertz möchte ich daher nicht weiter vom „Todeshaus“, sondern vom Grenzpunkt im Horoskop sprechen.

Das 8. Haus zeigt an, welche Rolle Grenzerfahrungen für uns haben. Krisen und Stirb-und-Werde-Prozesse sind solche Grenzerfahrungen. Durch sie können wir reifen – oder an ihnen zugrunde gehen. Bitte setzen Sie Grenzerfahrungen nicht automatisch mit Krisen gleich. Eine der schönsten Grenzerfahrungen ist sicherlich eine erfüllte Sexualität. Nicht zufällig nennen die Franzosen den Orgasmus den „kleinen Tod“. Wer sich dem Rausch der Lust hingibt, die Kontrolle ausschaltet und sich über Konventionen und Tabus hinwegsetzt, begibt sich ebenfalls auf ein Terrain, das Grenzerfahrungen erlaubt. Auch ein gewisses Maß an Forschungsinteresse kann damit verbunden werden. Doch stellen Sie sich bitte keinen Forscher mit Zollstock und Winkelmaß vor. Denken Sie lieber an einen unerschrockenen Expeditionsteilnehmer, der sich in eine dunkle Höhle abseilen lässt, um herauszufinden, wer oder was dort sein Unwesen treibt. Statt an Steilfelsen herumzukraxeln können Sie natürlich auch menschliche Abgründe erforschen. Psychologisches Interesse bringen wir aus diesem Grund ebenfalls mit dem 8. Haus in Verbindung. Denn auch hier geht es nicht zuletzt um die entscheidenden Fragen, um Sein oder Nichtsein, um den Sinn des Lebens und der Motivation unserer Verhaltensweisen. Das Hintergründige treibt zur Forschung an. Diese gegebenenfalls verborgenen Motivationen und Einstellungen offenbaren sich in Grenzsituationen mehr als im normalen Alltag. Wer stundenlang in einem absturzgefährdeten Fahrstuhlwrack um sein Leben bangt, wird auf Etikette nur noch wenig Wert legen.

Möglicherweise kommen wir hier der Bedeutung näher, die Thomas Ring im Sinn hatte, als er im Zusammenhang mit dem 8. Haus vom Lebenshintergrund sprach:

„Die in der letzten Einsamkeit des Sterbens Trost und Halt bietenden Gewißheiten: Befriedigung über sinnerfülltes Leben oder Vorstellungen von Existenzformen jenseits der Schwelle, die aus diesem Leben herausführt. Befassung mit den Rätseln, die uns Vergänglichkeit des Irdischen, leiblicher Zerfall und Tod bei Bewußtsein von geistig Dauerndem aufgibt. Interesse für Grenzfragen überhaupt, metaphysische Anschauungen und Erlebnis von Hintergründigem, das in lebendige Gegenwart hineinragt.“ (Zitat) 

Bitte lesen Sie den vollständigen Artikel in Astro-Forum sternzeit Nr. 22

Dr. Ulrike Voltmer:
Handlung als Weg zur Heilung

Streben nach Grenzerfahrung

Ein Kosmogramm sinnvoll zu deuten beinhaltet, die wesentlichen Eigentümlichkeiten, Besonderheiten, Einseitigkeiten oder Schwerpunkte eines Menschen klar herauszuarbeiten. Das Individuelle und Einmalige soll benannt werden, das, was den einen Menschen vom anderen unterscheidet. Dabei setzen wir im Grunde – meist unausgesprochen – die Konflikthaftigkeit des Menschen voraus. Wir vermuten immer irgendwelche uneingelösten Bedürfnisse, Spannungen und Beschränkungen. Was wäre aber, wenn wir es mit einem Menschen zu tun hätten, der in seiner ‘Vollkommenheit’ lebte? „Das gibt es nicht“ ist an dieser Stelle wahrscheinlich die Antwort. Ist die Vermutung der „Un-vollkommenheit“ somit ein universales, allgemein akzeptiertes Konzept? Wenn dies wirklich so ist, sollte überdacht werden, was damit eigentlich gemeint ist und was dies an Konsequenzen beinhaltet.

Was wäre aber Vollkommenheit, ein vollkommen richtiges Handeln, Denken, Reagieren, Beurteilen? Stellen wir uns darunter etwas vor, was mehr Übersicht über die Dinge voraussetzt, mehr Wissen, Voraussicht, größere Einsicht in das Innere der anderen Menschen, mehr Maß und Ziel? In fast allen Kulturen schreibt man solches Vermögen nur höheren Wesen zu, vielleicht einem allwissenden gerechten Gott? Offensichtlich scheint der Mensch eine Erkenntnis davon zu haben, dass er in all seinem Erleben und Verhalten, Denken, Fühlen, Wollen und Handeln „besser“ sein könnte. Ist mit jeder Äußerung des Menschen die Erkenntnis verbunden, dass „alles“ bei der Wiederholung desselben verbessert werden könnte?

Die Menschheit scheint von Zuständen zu wissen, in denen etwas Besonderes geschieht, wo Momente von Einheit, Verschmelzung, Teilhaftigwerden am Wunder der durch nichts zu begründenden Existenz der Welt erlebt werden. Ist das die Ursache, warum wir Menschen in unseren Kulturen ein Konzept von Vollkommenheit kennen, ohne dass wir diese recht schildern könnten und an der unsere Vorstellungskraft und sprachlichen Mittel an ihre Grenzen stoßen? Obwohl wir eigentlich keine rechte Vorstellung davon haben, wie etwas in seiner Vollkommenheit sein müsste, meinen doch viele, sie könnten danach streben.

Vollkommenheitsgefühle, mit denen wir Glück und Ausgeglichenheit verbinden, scheinen jedoch paradoxerweise gerade in Extremsituationen erlebt zu werden, bei der Geburt, Liebe, in künstlerischen, forschenden oder körperlichen Höchstleistungsmomenten, in der Meditation und der religiösen Versenkung. Ausgerechnet bei eher „einseitigen Tätigkeiten“ ist offenbar ein Teilhaftigwerden an der Ganzheit möglich.

Richten wir unseren Blick auf die äußerlichen Umstände, in denen sich Menschen befinden, die über Erlebnisse von Glück, Vollkommenheit oder Ganzheit berichten, dann können wir bemerken, dass die äußeren Bedingungen und Zustände, die zu solcher Erlebnisfähigkeit führen, offenbar nicht unbedingt die besten und angenehmsten sein müssen. Weder soziale Achtung, wirtschaftliche Absicherung, glückliche Partnerverhältnisse noch Gesundheit sind die notwendigen Bedingungen dafür, dass sich Vollkommenheitsgefühle einstellen. So mag andererseits beispielsweise einem körperlich und psychisch gesunden Menschen das Erleben

solcher Ganzheitserfahrungen fremd bleiben. Vielleicht lebt er sogar in einer gewissen körperlichen Vollkommenheit, ohne dass ihm dieses bewusst ist, er „lebt“ darin, aber er „erlebt“ es eben nicht. Es mag dagegen ein von schwerer Krankheit Genesener oder noch Leidender zu Momenten intensiver körperlicher schmerzfreier Vollkommenheitserfahrungen fähig sein.

Wir erleben uns selbst und die eigene Situation offenbar nur durch die Polarität, wir benötigen gegenteilige Erfahrungen zur Erkenntnis, das mag die Antwort sein darauf, dass zum Erlebnis der Vollkommenheit offenbar dasjenige von Unvollkommenheit oder besser Unvollkommenheiten Voraussetzung ist. Das bewusste Erleben der Ganzheit setzt bewusste Erfahrungen von Einzelaspekten voraus und diese können mitunter schmerzhaft sein. Vielleicht ist es die menschliche Sehnsucht nach vollkommener Glückseligkeit – was dies auch immer für den Einzelnen bedeuten mag – der die Suchenden zu immer wieder neuen Erfahrungen von Unzulänglichkeiten, Schadhaftigkeiten sowie körperlichen und seelischen Schmerzen führt.

Mit dem Begriff „Unvollkommenheit“ können wir auch einfacher umgehen; damit werden Krankheit, Unzulänglichkeit, Behinderung, Sucht, Sündhaftigkeit, Schwäche, Zweifel, Einsamkeit – je nach Weltanschauung – in Zusammenhang gebracht. Dies ist umso erstaunlicher, als mit deren jeweils positivem Gegenteil – wie oben erörtert – nicht unbedingt ein Erlebnis oder Erlebnismomente von Vollkommenheit einhergehen. Wenn dies aber so ist, warum sollte der Mensch dann primär Gesundheit, Stärke, Sicherheit, Gemeinschaft, Fehlerlosigkeit anstreben, wenn doch damit nicht zwangsläufig eine Erfahrung von Vollkommenheit und Glückserleben verbunden ist? Warum die Krankheit nicht hinnehmen und dennoch das Glück erstreben?

Eine Antwort kann meines Erachtens nur darin liegen, dass sich der betreffende Mensch durch seine Krankheit an der Erreichbarkeit seines individuellen Glücks behindert sieht; derjenige fühlt die Krankheit in ihrer ganzen Bitternis und Schmerzhaftigkeit, leidet auch im Herzen und im Geiste, der das unbestimmte Gefühl hat, vom Weg zu möglichen Momenten eines ersehnten Glücks oder Vollkommenheitsgefühls abgeschnitten zu sein – und sei dies noch so unbewusst. Dies impliziert ein unbestimmtes Wissen davon, wie ein „Besser“ aussehen könnte – als trage der Kranke ein Wissen von Besserung in sich. Wenn er das Weh, die Behinderung und den Schmerz nicht hätte – ja dann, dann könnte er und würde er etwas anderes tun. – Genau dieses Andere gilt es zu entdecken.

Für eine astrologische Beratung muss dieser individuelle Ansatz, das gemeinsame Suchen nach der Bedeutung eines Besseren, des „Etwas-Anderes-Tun“, leitend sein. Denn wie könnte die Linderung eines Schmerzes möglich sein oder was könnte sie bringen, wenn ein Kranker nicht die Lücke des einstigen Schmerzerlebnisses mit dem Erleben einer bereichernderen  Erfahrung füllen könnte? Im leidenden Menschen kann das innere Wissen um sein „Besser“ aufgerichtet werden. Es genügt dabei jedoch nicht, über das „weniger schmerzhaft“ Besserung einleiten zu wollen. Sie gelingt nur über eine positive Alternative oder Perspektive zum bisherigen Schmerz.

Bitte lesen Sie den vollständigen Artikel in Astro-Forum sternzeit Nr. 22

Hajo Banzhaf:
Die sieben Todsünden – astrologisch gesehen

Kann man zu Beginn des Wassermannzeitalters allen Ernstes etwas so Antiquiertes wie die Todsünden aus der Mottenkiste holen? Jetzt, wo wir doch alle auf dem Weg zu kosmischem Bewusstsein sind und allenfalls noch „light und bleifrei“ sündigen? Was soll da ein so völlig überholtes, nach muffigen Beichtstühlen riechendes Thema?

Wer einmal das Dickicht beiseite räumt und den Staub abwischt, wer die Drohgebärden weglässt und auch das Kapital, das die Kirche aus der Angst vor diesen allerübelsten Verfehlungen geschlagen hat, der kann aus diesem Konzept tatsächlich auch heute noch wertvolle Einsichten gewinnen.

Das deutsche Wort Sünde geht auf „absondern“ zurück und meint die Absonderung von Gott. Ein sündiger Mensch lebt demnach in Gottesferne, in völliger Verlorenheit. Wenn wir das Göttliche als Mitte, Sinn und Tiefe verstehen (so wie der Basler Religionsphilosoph Hans Urs von Balthasar das Ziel der Spiritualität definierte), dann wird diese Verlorenheit zum Verlust der Mitte, des Lebensmittelpunktes. Eben das machen auch die Worte deutlich, die die Bibel für Sünde benutzt. Sowohl das hebräische chato wie das griechische hamartia bedeuten ursprünglich „Verfehlen des Wesentlichen“, „Verfehlen des Ziels“ und das „Verfehlen der Mitte“.

Ein einheitliches Konzept der sieben Todsünden gibt es nicht. Nicht einmal die Zahl war stets die gleiche. Der heutige Katalog geht auf Papst Gregor den Großen zurück, der ihn Ende des 6. Jahrhunderts zusammenstellte als: Stolz, Trägheit, Neid, Wolllust, Zorn, Völlerei und Geiz.

Auch wenn die Zuordnung zu den sieben Planeten weder ursprünglich noch eindeutig ist, hat sie doch sehr alte Wurzeln. Schon in den Seelenwanderungslehren der Antike findet sich das Bild, dass die Seele auf ihrem Weg vom Himmel zur Erde durch die sieben Sphären fällt und dabei vor allem mit der negativen, der sündigen Planetenenergie „infiziert“ wird. Die Erlösung erfolgt in umgekehrter Richtung durch den Aufstieg über jene sieben Stufen zurück zum Himmel. Das Bild besagt, dass der Sturz aus der ursprünglichen Einheit in die Einseitigkeit führt, aus der heraus nur die Gegenbewegung zurück zur Ganzheit führen kann.

Es gibt zahllose astrologische Deutungen von Licht und Schatten der Planeten und ihrer Aspekte.

Dieses alte Konzept der sieben Todsünden aber lässt die problematische Seite jedes Planetenprinzips in einer sehr eigenen Weise deutlich werden.

Dabei geht es nicht um neue Kochbuchrezepte, denen man zuverlässig entnehmen könnte, wie ein Planet im Horoskop stehen muss, um ein „Todsündenkandidat“ zu sein. Es geht vielmehr um einen Blick in den dunklen Bereich jedes Planeten, der sich selbst bei günstigster Stellung und bester Aspektierung durch Vereinseitigung und Unmaß auftun kann.

Sonne = Stolz

Es gibt einen gesunden Stolz, den wir als glückliche Zufriedenheit erleben, wenn wir etwas Wertvolles erreicht haben. Kranker Stolz zeigt sich dagegen in Überheblichkeit und Selbstgefälligkeit und steigert sich in extremen Fällen zum Größenwahn. Diese Todsünde gilt als die verbreitetste und wird stets an erster Stelle genannt, so wie auch ihre astrologische Entsprechung – die Sonne – als wichtigster Planet stets an erster Stelle steht. Als typische Egokrankheit, als Ichaufblähung, trägt diese Fehlhaltung viele Namen und zeigt sich blasiert, arrogant, dünkelhaft, hochnäsig, geziert und selbstverliebt, als Großmaul, Diva oder Wichtigtuer. Stolz ist aber nicht nur eine Haltung, die man im Feuerelement, insbesondere im selbstbewussten Zeichen Löwe vermutet; vielmehr kann Stolz auch gerade aus einer Egoschwäche entstehen. Während ein gereiftes Ego gefestigt ist und damit sowohl belastbar als auch im guten Maße beugsam, schwankt ein unreifes Ego zwischen den Extremen knallhart und wachsweich hin und her. Mal ist es rücksichtslos, skrupellos despotisch, selbstherrlich und voller Allmachtsphantasien, dann wieder eitel und empfindsam als Primadonna männlichen oder weiblichen Geschlechts, die ständig pikiert und beleidigt ist, oder in dem typischen Reaktionsmuster eines kleinen Geistes, der, sobald er merkt, dass man ihn braucht, sofort alles verkompliziert und alles ebenso genussvoll wie unnötig in die Länge zieht. Das Tückische am Stolz ist, dass er in versteckter Form auch im scheinbaren Gegenteil erscheinen kann, in großer Bescheidenheit und tugendhafter Genügsamkeit. Auch nicht stolz zu sein kann uns mit großem Stolz erfüllen.

Allen Formen des Stolzes ist eins gemein: das tiefe, manchmal nur heimlich oder weit gehend unbewusst gelebte Gefühl, etwas ganz Besonderes zu sein. Und so wundert es denn nicht, dass sich als Folge dieser verbreitetsten Todsünde ausnahmslos jeder Mensch als Ausnahme betrachtet. Und Ausnahmen sind nicht an die allgemeingültigen Bedingungen gebunden, sondern dürfen für sich selbstverständlich Sonderregeln in Anspruch nehmen. Überall genießen sie Privilegien und haben Sonderstatus. Das kann natürlich zu hartnäckigen Problemen führen, wenn man zum Beispiel glaubt, einfach klüger als alle anderen zu sein und sich deshalb frei von allen Selbstzweifeln auf Geschäfte einlässt, von denen man keine Ahnung hat. Oder wenn man zu besonders ist, einen Beruf zu erlernen, weil man doch als Genie geboren ist, oder wenn man seine krausen Gedankengänge gern als Philosophie verbrämt und nicht verstehen kann, warum die Welt nicht mit angehaltenem Atem der großen Wahrheit lauscht. Lebensgefährlich wird es, wenn man zu besonders ist, um Probleme zu haben und deshalb mit niemanden darüber spricht, geschweige denn einen Therapeuten oder Arzt aufsucht. Und wie viel unnötigen Ärger man sich mit dieser Haltung im Alltag einhandelt, weiß jeder, der es nicht nötig hat, Gebrauchsanweisungen zu lesen.

Am liebsten aber träumt das stolze Ego den Traum von der eigenen Autarkie, der sich gern hinter dem Streben nach Vollkommenheit oder dem inständig gehegten Wunsch nach Erleuchtung kaschiert. Bei genauer Betrachtung zeigt sich, dass man sich vom erstrebten Zustand erhofft, endlich von irdischen Bedingungen befreit zu sein, in sich zu ruhen, wie ein in sich geschlossenes System, und deshalb niemanden zu brauchen, niemanden mehr um Hilfe bitten zu müssen, nie mehr Abhängigkeit, Ohnmacht oder Verletzungen zu erleben, allesamt sehr menschliche Egophantasien, die allerdings mit Erleuchtung nichts zu tun haben. Ein Mensch aber, der glaubt, schon so „weit“ zu sein, wähnt sich über den Dingen und ist sich natürlich zu schade für manches, was weniger Erleuchtete noch tun müssen. Damit klemmt er sich von wichtigen Erfahrungen ab und glaubt, sich auf vieles gar nicht erst einlassen zu müssen. Die Folge ist oft eine stolze Resignation, mit der man sich mehr und mehr aus dem Leben zurückzieht.

Der Preis an Lebendigkeit, den wir für diese Todsünde zahlen, ist hoch: Die mangelnde Bereitschaft, uns zu verbeugen, lässt uns in wichtige Erfahrungsbereiche gar nicht erst eintreten.

Oskar Adler, einem der namhaftesten Astrologen des 20. Jahrhunderts, verdanken wir ein sehr anschauliches Bild für das Zusammenspiel von Sonne und Mond. Er verglich das Kräftespiel dieser beiden Planeten mit einem Fesselballon, wobei die Sonne die nach oben strebende Kraft verkörpert und der Mond das Gegengewicht, unsere erdverbundene Natur. In der richtigen Mischung kommt es zu einer langsamen aber steten Höherentwicklung, die einem gesunden Reifeprozess entspricht.

Da die Sonne dazu neigt, uns über den Dingen schweben zu lassen, bedeutet ein Zuviel, dass wir abheben und uns aus irdischer Tiefe ausklinken. Überwiegen dagegen die Mondkräfte, ist die Erdgebundenheit so groß, dass gar keine Höherentwicklung stattfindet, aber auch keine Überwindung von Problemfeldern. Der Mensch bleibt allein seiner Triebnatur verhaftet und fühlt sich den Lebensproblemen hilflos und zumeist leidend ausgesetzt. Genau das ist das Problem der nächsten Verfehlung.

Bitte lesen Sie den vollständigen Artikel in Astro-Forum sternzeit Nr. 22

2005 © B.Braukmüller

 made by agentur28

Beatrix Braukmüller, geprüfte Astrologin DAV + Heilpraktikerin für Psychotherapie

Uhlandstraße 2

D-28211 Bremen

Fon: 0421-700870